{"id":9963,"date":"2020-07-04T21:40:20","date_gmt":"2020-07-04T19:40:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.caritas-digital.de\/?p=9963"},"modified":"2020-07-04T21:40:20","modified_gmt":"2020-07-04T19:40:20","slug":"warum-die-beratungsplattform-der-caritas-nun-opensource-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/caritas-digital.de\/landing\/blog\/warum-die-beratungsplattform-der-caritas-nun-opensource-ist\/","title":{"rendered":"Warum die Beratungsplattform der Caritas nun opensource ist"},"content":{"rendered":"<p>Die psychosoziale Beratung durch Dienste der Caritas geh\u00f6rt zu den umfangreichsten in Deutschland. Seit mehr als zehn Jahren gibt es neben physischen Beratungsstellen auch eine Online-Beratung, die (mehr und mehr) &#8222;<a href=\"https:\/\/www.caritas.de\/neue-caritas\/heftarchiv\/jahrgang2019\/artikel\/online-beratung-2.0--der-mensch-im-mittelpunkt\">blended counseling<\/a>&#8220; erm\u00f6glicht. Gerade in den letzten zwei Jahren ist das System konzeptionell, technisch und organisatorisch mit erheblichem Aufwand weiterentwickelt worden. Ende Juni 2020 hat der Deutsche Caritasverband e.V. nun das umfangreiche <a href=\"https:\/\/www.caritas.de\/fuerprofis\/presse\/pressemeldungen\/caritas-online-beratung-geht-open-source-8c2af460-2000-4742-b16c-d484e0680471\">Software-Projekt unter einer Opensource-Lizenz ver\u00f6ffentlicht<\/a>: der Quellcode der Software ist nun f\u00fcr jedermann zug\u00e4nglich, freigegeben zum Kopieren und Ver\u00e4ndern. Das ist ein sehr gro\u00dfer Schritt f\u00fcr die Caritas, vielleicht auf den ersten Blick auch ein ungew\u00f6hnlicher (dazu auch ein <a href=\"https:\/\/soziale-arbeit.digital\/caritas-deutschland-veroffentlicht-software-zur-online-beratung-als-open-source\/\">Kommentar von Benedikt Geyer<\/a>).<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Umso wichtiger ist es, die Motivationen und Hintergr\u00fcnde darzustellen. Sie lassen sich wom\u00f6glich auf einige andere Projekte \u00fcbertragen. Im weiten Feld der Freien Wohlfahrt wird viel mehr Software entwickelt, als man denkt. Und obwohl es meistens keine kommerziellen Verwertungsinteressen gibt, ist die Software &#8222;closed source&#8220;, unter Verschluss. Ein enormes Potential f\u00fcr Zusammenarbeit und ein ungemeiner Mehrwert f\u00fcr das Gemeinwohl schlummern noch.<\/p>\n<h2>Hintergrund: Was ist Opensource?<\/h2>\n<p>Um zu verstehen, was mit &#8222;Opensource&#8220; gemeint ist, auch um einige Missverst\u00e4ndnisse zu vermeiden, lohnt es sich, sich mit Grundprinzipien von Opensource auseinanderzusetzen. Manche Ziele (&#8222;<a href=\"http:\/\/www.gnu.de\/free-software\/index.de.html\">Wohl der Allgemeinheit<\/a>&#8222;) und Herangehensweisen von Opensource-Communitys haben \u00fcberraschende \u00c4hnlichkeit mit denen in der Freien Wohlfahrt.<\/p>\n<p>Im engeren Sinn meint Opensource-Software die nicht-kommerzielle Verf\u00fcgbarkeit des Quellcodes (wo Geb\u00fchren verlangt werden, handelt es sich nicht um Lizenzgeb\u00fchren,&nbsp; sondern nur Bereitstellungskosten eines Anbieters). Jede:r darf also den Code kopieren (z.B. von einem Server laden), nutzen, seine oder ihre Kopie ver\u00e4ndern und wieder ver\u00f6ffentlichen. Ideologisch stehen die Freiheiten von Programmierer:innen und Anwender:innen im Zentrum, ihre Werkzeuge und Produkte auch gestalten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im weiteren Sinn bezieht sich Opensource auch auf die Verfahren (oder sogar Haltung), Software in hohem Ma\u00df kollaborativ weiterzuentwickeln. Erm\u00f6glicht wird das durch feste Regelwerke, die Lizenzen, unter denen ein Projekt ver\u00f6ffentlicht wird und wodurch keine weitere Genehmigung der urspr\u00fcnglichen Softwareeigent\u00fcmer mehr erforderlich ist. Au\u00dferdem werden eine Reihe von technischen und organisatorischen Errungenschaften genutzt, allen voran das Internet und seine Plattformen.&nbsp;Sie machen es z.B. sehr einfach, dass viele Entwickler parallel Ver\u00e4nderungen in ihren lokalen Kopien vornehmen und diese sich gegenseitig oder einem Hauptprojekt als Verbesserungen vorschlagen k\u00f6nnen (sog. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pull_Request\">pull request<\/a>). Auf diese Weise k\u00f6nnen lose Kollektive ihre Kr\u00e4fte b\u00fcndeln (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Crowdsourcing\">crowd sourcing<\/a>, aus dem ehrenamtlichen Engagement ist uns das vertraut!). Die <a href=\"https:\/\/github.com\/caritasdeutschland\">Caritas hat ihre Software z.B. auf der Plattform GitHub.com ver\u00f6ffentlicht<\/a>.<\/p>\n<p>Im Zentrum von Opensource stehen die verwendeten Lizenzen, die regeln, welche Arten von Ver\u00e4nderungen und vor allem Ver\u00f6ffentlichungen erlaubt oder auch gefordert sind. Dabei haben sich <a href=\"https:\/\/choosealicense.com\/\">eine Hand voll Lizenzen<\/a> herausgebildet, die h\u00e4ufig eingesetzt werden und daher mit ihren speziellen Absichten und Einschr\u00e4nkungen bekannt sind. Versierte Entwickler:innen wissen auf einen Blick woran sie dabei sind, auch ohne Rechtsberatung &#8211; das ist ebenfalls ein wichtiger Aspekt f\u00fcr eine niederschwellige Zusammenarbeit. Grunds\u00e4tzlich k\u00f6nnen alle m\u00f6glichen Arten von Lizenzen neu erdacht werden, die Opensource auf eine bestimmte Weise umsetzen. Die Open Source Initiative (OSI) versucht deshalb<a href=\"https:\/\/opensource.org\/osd\"> einheitliche Standards f\u00fcr Lizenzen<\/a> festzulegen. Allerdings wird dadurch das Projekt f\u00fcr andere weniger einfach zug\u00e4nglich.<\/p>\n<p>Die<a href=\"https:\/\/www.gnu.org\/licenses\/agpl-3.0.html\"> Caritas Online-Beratungsplattform ist unter der AGPL 3.0<\/a> ver\u00f6ffentlicht. Diese Lizenz fordert, dass von allen ver\u00e4nderten Versionen der Quellcode von ihren jeweiligen Autor:innen ebenfalls ver\u00f6ffentlicht werden muss, sobald sie auf einem Webserver \u00f6ffentlich betrieben wird (was ja das typische Format f\u00fcr eine Beratungsplattform ist).<\/p>\n<h2>Motivation: Nutzen f\u00fcr die Wohlfahrtsverb\u00e4nde und dar\u00fcber hinaus<\/h2>\n<p>Durch die Ver\u00f6ffentlichung des Quellcodes wollen wir verschiedene Vorteile f\u00fcr alle Verb\u00e4nde der Freien Wohlfahrt erzielen:<\/p>\n<ul>\n<li><b>Entwicklungslasten teilen<\/b>: Verschiedene Anbieter von psychosozialer Beratung brauchen passende Beratungswerkzeuge &#8211; nach unserer Analyse ist f\u00fcr vernetztes Beraten keine taugliche L\u00f6sung auf dem Markt. Kauft jeder Tr\u00e4ger eigene L\u00f6sungen ein oder entwickelt sie selbst, ist das f\u00fcr das Gesamtsystem teurer. Wohlfahrtsverb\u00e4nde verfolgen mit nicht-kommerziellen Angeboten \u00e4hnliche Ziele und profitieren daher von einer gemeinsamen L\u00f6sung.<\/li>\n<li>Die Ver\u00f6ffentlichung der Arbeitsergebnisse entspricht dem Selbstverst\u00e4ndnis der Wohlfahrt als gemeinn\u00fctziger Akteur und wird der Verantwortung durch die \u00f6ffentliche F\u00f6rderung gerecht (<b>public money, public code<\/b>). Die oben genannten Faktoren d\u00fcrften bei einer Vielzahl von Software-Projekten zum Tragen kommen. Die Wohlfahrt k\u00f6nnte den Kern einer eigenen, gemeinn\u00fctzig orientierten Opensource-Community bilden.<\/li>\n<li>Durch die gemeinsame Arbeit an einem (Software)Projekt kann eine Community entstehen, die die <b>Vernetzung zum Arbeitsfeld Online-Beratung<\/b> insgesamt verst\u00e4rkt (auch hier wiederum \u00fcber die Wohlfahrt hinaus). Daraus k\u00f6nnen sich verwandte Initiativen ergeben z.B. zur Verkn\u00fcpfung der Verzeichnisse von Hilfsangeboten und anderer Datenbanken.<\/li>\n<li><b>Qualit\u00e4tsentwicklung <\/b>durch Kollaboration: die L\u00f6sung wird sich durch das Einbringen anderer\/vieler qualitativ weiterentwickeln. Durch die Zusammenarbeit erhalten alle Verb\u00e4nde eine bessere M\u00f6glichkeit, auch komplexere Beratungsformate mit hochwertigen und sicheren Instrumenten anzubieten, als sie das jeweils alleine k\u00f6nnten. Das Qualit\u00e4ts-\/Sicherheitsniveau der Online-Beratungsplattformen in Deutschland steigt damit also insgesamt.<\/li>\n<li>Die aktuell erkennbare Community aus dem Hackathon (z.B. #WirVsVirus) bringt <b>Entwicklungskapazit\u00e4ten <\/b>mit, die in diesem Umfang in kurzer Zeit (Bedarf durch die Corona-Epidemie) anders nicht aufzubauen sind.<\/li>\n<li>Wir k\u00f6nnen erheblichen <b>Wissenstransfer \u201cvon au\u00dfen\u201d <\/b>erwarten, weil sich in Opensource Communitys typischerweise diverse Expertisen zusammenfinden (crowd sourcing). Vorteile dieser Zusammenarbeit mit Engagierten sind den Wohlfahrtsverb\u00e4nden als soziale Bewegungen unterschiedlicher Pr\u00e4gung vertraut.<\/li>\n<\/ul>\n<h2>Bedeutung der Community<\/h2>\n<p>W\u00e4hrend Opensource im engeren Sinn die Ver\u00f6ffentlichung des Quellcodes meint, entstehen viele der erw\u00e4hnten Vorteile erst durch die Zusammenarbeit mit vielen anderen Akteuren, der Community. Die unterschiedlichen Akteure k\u00f6nnen dabei verschiedene Aufgaben \u00fcbernehmen, wovon Beitr\u00e4ge zur Code-Basis, das eigentliche Programmieren, nur ein Teil ist (wenn auch ein wichtiger). Die folgende Grafik soll gleichzeitig einige Prinzipen deutlich machen, die einer Zusammenarbeit auf Opensource-Basis zu Grund liegen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/caritas-digital.de\/landing\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/ob_opensourceCommuity_uebersicht_v4jl-public-1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9971\" src=\"https:\/\/caritas-digital.de\/landing\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/ob_opensourceCommuity_uebersicht_v4jl-public-1.png\" alt=\"Eine Grafik zeigt Rollen und Zusammenh\u00e4nge zwischen verschiedenen Akteuren in einer (idealen) Opensource-Community f\u00fcr die Online-Beratungsplattform\" width=\"800\" height=\"449\"><\/a><\/p>\n<p>In der Grafik ist links oben der eigentliche Betrieb der Beratungsplattform abgebildet, der vollst\u00e4ndig in der Verantwortung und Kontrolle der Caritas liegt: Ein technischer Dienstleister installiert die Software und betreibt sie im Auftrag der Caritas. Die Software, die dabei zum Einsatz kommt, wird von einer Community weiterentwickelt &#8211; daran beteiligt sich die Caritas mit Hilfe eines&nbsp; technischen Dienstleisters. Genau die gleiche Software kann auch ein anderer (ausreichend technisch versierter) Akteur kopieren, auf seinem Server installieren und betreiben. Akteur XY hat sich aber ein Video-Modul dazu bauen lassen, das die Ursprungsversion nicht hatte. Damit hat Akteur XY einen neuen Zweig (&#8222;fork&#8220;) er\u00f6ffnet. Die Caritas kann nun (mithilfe ihres Dienstleisters) pr\u00fcfen, ob das Video-Modul ihren technischen und sicherheitstechnischen Anforderungen gen\u00fcgt und ob es in ihre Strategie f\u00fcr die Software passt &#8211; und im positiven Fall das Video-Modul auch in ihre Code-Basis \u00fcbernehmen. Sp\u00e4tere Akteure k\u00f6nnen sich nun entscheiden, ob sie die Software der Caritas oder von Akteur XY verwenden. Typischerweise werden die Akteure, also auch XY, versuchen eine lebendige Community um ein Hauptprojekt zu etablieren, in dem sich alle wesentlichen Verbesserungen wiederfinden und um das herum sich die Diskussionen der Community drehen. &#8222;Community Mitglied&#8220; ist kein regulierter Begriff, im Prinzip geh\u00f6ren alle dazu, die die Software herunterladen oder auch nur einen Kommentar auf GitHub schreiben. Diese Community kann gepflegt werden und sich Regeln geben, aber hat keine Zugangsbeschr\u00e4nkungen im engeren Sinn (etwa Mitgliedschaften oder Geb\u00fchren) &#8211; auch das ist aus der Arbeit mit Ehrenamtlichen bekannt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend also jeder Akteur seine Version der Software einsetzt und f\u00fcr seinen Server und Betrieb verantwortlich ist, kann die Software &#8211; sogar in unterschiedlichen Varianten! &#8211; gemeinsam weiterentwickelt werden.<\/p>\n<h2>Ausblick<\/h2>\n<p>Wegen der \u00c4hnlichkeit der Ziele, der M\u00f6glichkeit, die allzu oft stark beschr\u00e4nkten Mittel zu b\u00fcndeln, oft auch dem Einsatz \u00f6ffentlicher Gelder erscheint es naheliegend, dass Software f\u00fcr gemeinn\u00fctzige Zwecke von gemeinn\u00fctzigen Tr\u00e4gern viel mehr und vielleicht sogar grunds\u00e4tzlich im Quellcode ver\u00f6ffentlicht werden (ebenfalls kommen nat\u00fcrlich die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Open_Source#Vorteile_der_Nutzung\">Vorteile von Opensource<\/a> zum Tragen, die sich nicht auf Gemeinn\u00fctzigkeit st\u00fctzen). 69% der gr\u00f6\u00dferen Unternehmen in Deutschland <a href=\"https:\/\/www.bitkom-research.de\/de\/pressemitteilung\/open-source-jedes-dritte-unternehmen-entwickelt-mit\">setzen bewusst Opensource Software ein<\/a>, mit Schleswig-Holstein hat sogar ein ganzes <a href=\"https:\/\/www.golem.de\/news\/schleswig-holstein-bye-bye-microsoft-hello-open-source-2006-149174.html\">Bundesland Opensource Prinzipien in seine IT Strategie aufgenommen<\/a>.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus werden neue Formen der Zusammenarbeit m\u00f6glich, die nicht voraussetzen, sich zuvor in allen Fragen abzustimmen: Jederzeit besteht die M\u00f6glichkeit, einzelne Module in der eigenen Version auszutauschen oder im Extremfall komplett eigene Wege auf Basis des erarbeiteten Codes zu gehen. Kr\u00e4fte b\u00fcndeln zu k\u00f6nnen, ohne vorher gro\u00dfe und vielgestaltige Verbandsstrukturen aufeinander abstimmen zu m\u00fcssen und dabei Mehrwert f\u00fcr die Allgemeinheit zu schaffen &#8211; das ist das Potential, das es zu nutzen gilt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die psychosoziale Beratung durch Dienste der Caritas geh\u00f6rt zu den umfangreichsten in Deutschland. Seit mehr als zehn Jahren gibt es neben physischen Beratungsstellen auch eine Online-Beratung, die (mehr und mehr) &#8222;blended counseling&#8220; erm\u00f6glicht. Gerade in den letzten zwei Jahren ist das System konzeptionell, technisch und organisatorisch mit erheblichem Aufwand weiterentwickelt worden. 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