Matthias Schug über Daten, die im Alltag entstehen, Fachkräfte, die entlastet werden – und Umfragen, die endlich mehr können, als in Ordnern zu verstauben.
Matthias Schug hat schon einmal Brücken gebaut: In Wuppertal half er einer NGO dabei, Migrant:innen zu Sprachmittler:innen auszubilden – sein Herzensprojekt. Zuletzt kümmerte er sich beim AWO-Bundesverband um digitale Befähigung. Jetzt übersetzt er wieder – diesmal Daten in echten Nutzen für die Beratungspraxis der Caritas. Mehr als zehn Jahre Projektleitung im Sozialwesen, immer dort, wo Teilhabe und Digitalisierung sich treffen, haben ihn darauf vorbereitet. Gemeinsam mit Christin Träger und Dr. Georg Förster bildet er das Team der neuen Caritas-Kontaktstelle Datenservice – der zentralen Anlaufstelle für alle Fragen rund um Daten und KI in der Caritas.
Wir haben mit ihm gesprochen: über das neue Projekt, über Excel-Listen, die jede:r kennt – und darüber, warum Daten alles andere als nüchtern sind.
Matthias, was ist das Neue an Eurem Projekt?
Dass es endlich eine zentrale Anlaufstelle innerhalb der Caritas für Daten gibt. Einen Ort, an den man sich einfach wenden kann: mit einer Frage, einer Idee, einem Problem. Neu ist, dass wir über einzelne Pilotprojekte und Prototypen hinaus in die Breite gehen wollen. Wir begleiten Datenprojekte auf verschiedenen Ebenen und bauen Daten-Kompetenzen im Verband auf. Bestehende Projekterfahrungen und Fortbildungskonzepte, die z.B. im Rahmen des Civic Data Lab entwickelt wurden, schneiden wir noch stärker auf die Realitäten der Caritas-Verbände und ihrer Einrichtungen und Dienste zu. Wir wollen, dass die Caritas als ganze Organisation anders auf ihre Daten schaut. Wir nennen das Datenkultur.
Okay – aber was bedeutet das im Alltag? Ich sitze in der Beratungsstelle, was habe ich davon?
Vielleicht fangen wir da an, wo es jede:r kennt: Informationen sammelt man im Arbeitsalltag im Notizbuch, in Strichlisten oder Dokumenten auf dem Desktop. Kontakte, Terminliste und die Statistik am Jahresende pflegt in der Regel erstmal jede:r für sich – und so liegen in der Caritas unglaublich viele Informationen verstreut auf einzelnen Rechnern. Der Datenschatz ist also längst da, aber niemand kann ihn wirklich heben, solange er so verstreut liegt.
Genau da setzen wir an: Wir schulen und beraten Mitarbeitende, wir bringen die Menschen zusammen, die Daten erheben, mit denen, die sie auswerten – und wir bieten eine kostenlose Datensprechstunde an. Wer ein eigenes Datenprojekt hat, den begleiten wir gern vor allem wenn es darum geht, den Weg von der Erhebung zur tatsächlichen Verwertung von Daten möglichst gut zu gestalten.
Erkläre uns das bitte genauer: Was können Daten konkret bewirken?
Ein Beispiel, das ich sehr mag: Bei der AWO erheben Einrichtungen der Altenpflege bundesweit Klimadaten. Und plötzlich kann man sehen, was wirklich wirkt: Bringt es mehr, vegetarische Gerichte anzubieten? Eine Solaranlage aufs Dach zu setzen? Das Gebäude zu dämmen? Die Zahlen zeigen es schwarz auf weiß. Man muss nicht mehr raten – man weiß es.
Und dann gibt es dieses Beispiel aus der Obdachlosenhilfe: Dort konnte man mit Daten zeigen, dass jeder investierte Euro ein Vielfaches an Folgekosten spart. Das war ein massives Argument für die Finanzierung. Die Zahlen haben einfach für sich gesprochen.
Für viele Arbeitsfelder gibt es solche griffigen Zahlen aber noch nicht. Die Wirkung Sozialer Arbeit zu messen ist sehr herausfordernd. Menschen kommen mit einem Problem zu uns – und wenn es gelöst ist, sind sie weg. Was gute Beratung ermöglicht oder verhindert hat, taucht in keiner Statistik auf. Trotzdem fordern Politik und Fördergeber immer wieder Nachweise, wie unsere Arbeit wirkt. Davon sollten wir uns nicht ins Bockshorn jagen lassen, sondern proaktiv schauen, wo vorhandene Datenschätze schon Rückschlüsse darauf zulassen, was die Arbeit der Caritas für die Menschen bedeutet.
Ganz ehrlich: Viele in der Beratung sagen, „Ich bin angetreten, um mit Menschen zu arbeiten – nicht mit Zahlen.“
Und das verstehe ich total. Ich würde es sogar umdrehen: Genau deshalb machen wir dieses Projekt. Die Belastung in der Sozialen Arbeit steigt – die sozialen Probleme wachsen, die staatlichen Mittel sinken. Und gerade dort, wo Dokumentation und Statistik noch viel Handarbeit bedeuten, können wir Fachkräften jeden Tag ein paar Minuten zurück schenken. Minuten für Klient:innen statt für Formulare. Wichtig ist mir dabei ein Versprechen: Keine zusätzliche Belastung! Wir wollen dabei unterstützen, Arbeit durch Datenerhebung zu reduzieren, indem wir Verfahren verbessern und Überflüssiges, Doppelungen oder manuelle Übertragung reduzieren.
Hast du das selbst schon erlebt – dass Daten die Arbeit wirklich besser gemacht haben?
Ja, in meinem letzten Projekt. Es ging um digitale Kompetenzen älterer Menschen. Befragungen haben gezeigt: Die Leute kommen in unsere Kurse, gehen nach Hause – und die Hälfte ist vergessen. Diesen Eindruck konnten die Fachkräfte bestätigen. Diese Kombination – die Zahlen und die fachliche Einschätzung – den Ausschlag gegeben, das Angebot zu ergänzen: Zu den Kursen kamen Themennachmittage, um das Gelernte zu vertiefen und in Kontakt zu bleiben. Die waren sehr gut besucht.
Und wo kommt KI ins Spiel?
KI kann uns schon heute Arbeit abnehmen – etwa bei der Dokumentation, die mit ihren sperrigen Formularen oft viel zu viel Zeit frisst. Für gute Ergebnisse muss man aber verstehen, welche Daten die KI benötigt. Daher gilt: Wer KI sinnvoll nutzen will, braucht Kompetenzen und gute, maschinenlesbare Daten. An beidem werden wir arbeiten. Außerdem kann KI uns sehr dabei helfen, Prozesse der Datenerhebung und Auswertung zu vereinfachen.
Eure Datenkompetenz ist uns wichtig.
Ihr wollt Daten aus euren oder externen Systemen (besser) nutzen? Genau dafür gibt es die neue Kontaktstelle – kostenfrei für alle Caritas-Mitarbeitenden, gefördert über den Europäischen Sozialfonds (rückenwind³), von Mai 2026 bis Dezember 2028. Rund 1.200 Menschen sollen in dieser Zeit geschult, beraten und begleitet werden.
- Impulscafé Daten und KI – das offene Treffen für alle, die neugierig auf Daten sind. Alle zwei Wochen, eine Stunde, immer mit einem konkreten Praxisbeispiel. Kein Vorwissen nötig, einfach reinschauen. Los geht’s am Dienstag, den 25. August von 10 bis 11 Uhr mit einem Beispiel aus der U25-Suizidberatung. Hier könnt Ihr Euch anmelden!
- Datensprechstunde – Ihr habt eine Frage zu Daten in eurer Organisation oder ein eigenes Datenprojekt? Bucht euch online einen kostenlosen Termin. Hier könnt Ihr einen Termin buchen!
- Begleitung von Datenprojekten – wo in der Caritas an Daten und KI gearbeitet wird, unterstützt das Team gern. Meldet Euch einfach unter daten@caritas.de
Über Matthias Schug
Geschichte hat er in Bonn studiert, dann das Hobby zum Beruf gemacht – als Jugendbildungsreferent bei der Naturfreundejugend. Über zehn Jahre Projektleitung im Sozialwesen später lebt der Rheinländer seit fünf Jahren in Berlin. Sein Anspruch an Tools: niedrigschwellig und barrierefrei – Innovation soll Menschen mit Beeinträchtigung von Anfang an mitdenken, nicht nachträglich anpassen. Wenn er nicht gerade an Datenkompetenz feilt, ist er beim Kanufahren, Bouldern oder am Brettspieltisch zu finden. Auch da, sagt er, lässt sich eine Menge lernen. Und seine ersten Tage im Team? „Mit so einem tollen Team kann nichts schiefgehen!“
matthias.schug@caritas.de / Telefon: 030.284447837